Welchen Einfluss haben Erstsprachen auf die Sprachentwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund?
Informations- und Diskussionsveranstaltung zu neuen Forschungsergebnissen
Termin: Dienstag, 28. Juni 2011. 18 – 20 Uhr
Ort: Pädagogische Hochschule Zürich, Kantonsschulstrasse 3, Raum KAB G 01
Edina Caprez-Krompàk stellt die Forschungsergebnisse ihrer Dissertation «Entwicklung der Erst- und Zweitsprache im interkulturellen Kontext» (Waxmann, 2010) vor. Darin wird untersucht unter welchen Bedingungen die Erstsprachförderung im Rahmen des HSK-Unterrichts («Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur») an den Schulen stattfindet und wie sich die Förderung der Erstsprache auf die Entwicklung der Erst- und Zweitsprache auswirkt.
Die Ergebnisse der Studie sind u.a. aus linguistischer und pädagogischer Sicht von Bedeutung und verweisen auf den Wert der Erstsprachen im Schulwesen. Es wird dafür plädiert, dass zukünftig die Förderung der Erstsprachen Teil der Mehrsprachigkeitsdidaktik wird und die Sprachen der Kinder mit Migrationshintergrund aus der Sicht der individuellen und gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit differenziert wahrgenommen und gefördert werden. Mit der Bildungsexpertin Jacqueline Fehr von der Sozialdemokratischen Partei (SP) wollen wir die politische und pädagogische Bedeutung der Forschungsergebnisse diskutieren: Was sind Bedingungen für gute Wirkungen der Erstsprachenförderung? Was lernen
wir daraus für eine umfassende Schulsprachenpolitik? Welche bildungspolitischen Schritte müssen erfolgen?
Referentin
Dr. Edina Caprez-Krompàk, Dozentin für Pädagogische Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Leiterin des Forschungsprojektes MEMOS (Mehrsprachigkeit und Mobilität im Übergang vom Kindergarten in die Primarschule in der Schweiz)
Teilnehmerin an der Podiumsdiskussion
Jacqueline Fehr, ausgebildete Sekundarlehrerin und SP-Nationalrätin, ist Expertin der Schweizer Bildungspolitik und Autorin zahlreicher Publikationen zum Thema. Zuletzt: «Schule mit Zukunft. Plädoyer für ein modernes Bildungswesen» (Orell Füssli 2009)
IGE! InteressenGemeinschaft Erstsprachen
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Interessengemeinschaft Erstsprachen – vpod Interkulturelle Bildung
Postfach 8279
8036 Zürich
johannes.gruber[at]vpod-ssp.ch Zürich, den 15. September 2010
An die Rektorinnen und Rektoren der Pädagogischen Hochschulen der Schweiz
Empfehlungen der IGE an die Pädagogischen Hochschulen:
- Stärkerer Einbezug des Erstsprachenunterrichts (HSK) in der ordentlichen LLB
- Schaffung von Weiterbildungsangeboten für HSK-Lehrkräfte
- Forschungsprojekte zur Untersuchung der Effekte von Erstsprachenunterricht auf den Erfolg von Kindern mit Migrationshintergrund im Schweizer Bildungswesen
Sehr geehrte Damen und Herren
Die „Interessengemeinschaft Erstsprachen (IGE)“ ist ein Zusammenschluss von rund 50 Institutionen und Organisationen sowie über 70 Einzelpersonen aus verschiedenen in der Schweiz lebenden Sprachgruppen, aus dem Bildungswesen und aus der (Sprach)Wissenschaft. Wir verstehen die Vielsprachigkeit der Schweiz als einen Reichtum, den wir durch Forderungen nach einer geeigneten Sprachenpolitik und einem qualifizierten Sprachunterricht in den Schulen noch zu vermehren suchen.
Die seit Jahrzehnten in der Schweiz angebotenen HSK-Kurse sind für Kinder von Migrantinnen und Migranten ein wichtiger Teil des Sprachenunterrichts. Diese können in Erstsprachenkursen einen verstärkten Zugang zur Sprache ihrer Eltern gewinnen. Durch Förderung in ihrer Herkunftssprache erfahren sie diese als gesellschaftlich anerkannt und geschätzt, was ihnen hilft, ein positives Selbstbild hinsichtlich des Migrationskontextes ihrer Familie zu entwickeln und auch ihre subjektive Integrationsbereitschaft in die Schweizer Gesellschaft fördert. Erstsprachenkurse haben auch positive Auswirkungen auf den Erwerb der lokalen Landessprache. Gerade wenn der Förderunterricht in der Erstsprache mit dem Unterricht in der Zweitsprache koordiniert wird.
Noch immer gibt es jedoch viele Schwierigkeiten bei der Durchführung von HSK-Kursen. Finanziert werden die Kurse oftmals von den Regierungen der Herkunftsländer oder durch die Eltern der Kinder. Auch die Lehrkräfte werden teilweise aus den Herkunftsländern entsandt. Die methodische und didaktische Qualifizierung/Weiterbildung der HSK-Lehrkräfte ist dabei nicht sichergestellt bzw. oftmals deren Eigeninitiative überlassen. Die Schweizer PHs bieten bisher zu wenig Weiterbildungsangebote für die HSK-Lehrkräfte an (vgl. auch Cohep-Bericht zum Ist-Zustand der LehrerInnenbildung von 2007). Aufgrund der oftmals prekären Beschäftigungsbedingungen der Lehrpersonen wäre es auch sehr wichtig, dass Kurse gratis bzw. zumindest kostengünstig angeboten werden.
Doch die Pädagogischen Hochschulen sollten dem HSK-Unterricht auch einen höheren Stellenwert in der allgemeinen LLB zuerkennen. Wichtig ist, dass der HSK-Unterricht als Teil des Regelunterrichts verstanden wird und die Klassenlehrkräfte um die Bedeutung des HSK-Unterrichts wissen, damit sie in Kooperation mit den HSK-Lehrerinnen und -Lehrern sowohl auf die speziellen Förderbedürfnisse der Kinder eingehen wie auch lernen, deren besondere Fähigkeiten zu würdigen. Die HSK-Lehrkräfte können für die Klassenlehrerinnen und -lehrer auch eine grosse Hilfe bei der Elternzusammenarbeit sein, indem sie bei Bedarf eine vermittelnde Funktion zwischen den Kulturen und Sprachen wahrnehmen können.
Den Pädagogischen Hochschulen, als Orte an denen die (zukünftigen) Lehrerinnen und Lehrer aus- und weitergebildet werden, fällt dabei eine Schlüsselrolle zu: An ihnen sollten verstärkt Fragen des Erstsprachenunterrichts (HSK) in die ordentliche LLB einbezogen werden, vermehrt Weiterbildungsangebote für HSK-Lehrkräfte angeboten sowie Forschungsprojekte zur Untersuchung der Effekte von Erstsprachenunterricht auf den Erfolg von Migrantenkindern im Schweizer Bildungswesen durchgeführt werden.
Anbei finden Sie einen Katalog mit von uns empfohlenen Massnahmen.
Gerne würden wir unsere Anliegen im Gespräch mit Ihnen näher erläutern und die Möglichkeiten für eine allfällige Zusammenarbeit in diesen Fragen klären.
Mit freundlichen Grüssen
Für die IGE
Kathrin Luginbühl Dr. Johannes Gruber
APEPS (Association pour la promotion vpod Interkulturelle Bildung
de l'enseignement plurilingue en Suisse)
Beilagen:
- Katalog mit Empfehlungen
Empfehlungen der IGE
zum Themenbereich Erstsprachen an den Pädagogischen Hochschulen
1. Aus- und Weiterbildung in der allgemeinen Lehrerinnen- und Lehrerbildung
1.1 Die Pädagogischen Hochschulen sollten eine Gesamtkonzeption für Interkulturelle Pädagogik entwickeln und dabei die in den cohep-Empfehlungen vorgeschlagenen Lernbereiche berücksichtigen (vgl. cohep 2006, Empfehlungen zur Interkulturellen Pädagogik an den Institutionen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. Verfügbar unter: www.cohep.ch)
1.2 An den Pädagogischen Hochschulen sollten möglichst Angebote geschaffen, weitergeführt oder ausgebaut werden, in denen die folgenden Kompetenzen vermittelt werden:
- Kenntnisse hinsichtlich der Bedeutung der Erstsprache, auch für den Sprachenerwerb und -verlust
- Kenntnisse hinsichtlich der Bedeutung des Unterrichts in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) sowie von Modellen der Kooperation von HSK- und Regelklassenunterricht
- die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit HSK-Lehrpersonen
- die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund
- sprachliche und sprach-didaktische Kompetenzen mit Blick auf den Unterricht im mehrsprachigen Kontext
2. Weiterbildungsangebote für HSK-Lehrpersonen
2.1 Zu sämtlichen Weiterbildungsangeboten der Pädagogischen Hochschulen sollte ein kostenfreier bzw. zumindest kostenmässig erleichterter Zugang für HSK-Lehrpersonen geschaffen werden
2.2 Weiterbildungsangebote sollten in folgenden Bereichen geschaffen, weitergeführt und ausgebaut werden:
- Schulung ausgerichtet auf die spezielle Situation der HSK-Kurse in der Schweiz
- Landeskundliche und landessprachliche Kurse, die es den HSK-Lehrpersonen ermöglichen, ihr Wissen über die Schweiz und die Kenntnis ihrer<ins> </ins>Landessprachen zu vertiefen
3. Forschungsarbeiten
An den Pädagogischen Hochschulen sollte der Themenbereich "Erstsprachenunterricht" auch wissenschaftlich erforscht werden. Forschungsbedarf besteht vor allem in folgenden Punkten:
- Wirksamkeit des Erstsprachenunterrichts auf den Spracherwerb (Erst-, Zweit- und Fremdsprachenerwerb) und das Selbstkonzept
- Auswirkungen von Erstsprachenunterricht auf die Schulkarriere von Migrationskindern (Bestehen von Selektionsprozessen, Übergang in die Sekundarstufe II)
- Optimierungsmöglichkeiten der Erstsprachenförderung durch Abstimmung mit mit Deutsch als Zweitsprache (DAZ) und Regelklassenunterricht
- Chancen von Studierenden mit Migrationshintergrund bezüglich Lehrerinnen- und Lehrerbildung (Zugang, Verbleib)
(September 2010)
(Diese Veranstaltung kann nur in deutscher Sprache stattfinden. Cette conférence aura lieu en allemand uniquement.)
Zeit: Donnerstag, 2. April 2009, 18.15 Uhr
Ort: Pädagogische Hochschule Zürich, Sihlhof: LAA019
Referierende:
· Edina Caprez-Krompàk (Universität Zürich, Studie: Entwicklung der Erst- und Zweitsprache im interkulturellen Kontext)
· Urs Moser (Universität Bern, Studie: Entwicklung von Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitsprache von Migrantenkindern, Teil des NFP 56: „Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz“)
Zwei neue Schweizer Studien untersuchten Fördermassnahmen in der Erstsprache bei Migrantenkindern. Die Forschungsfragen zielten dabei unter anderem auf die Wirkungen der HSK-Kurse auf die Erstsprachenkompetenz und das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler sowie auf deren Erwerb des Deutschen als Zweitsprache.
Edina Caprez-Krompàk und Urs Moser stellen ihre Forschungsergebnisse vor und diskutieren deren pädagogische und politische Bedeutung:
- Was sind die Bedingungen für gute Wirkungen der Erstsprachenförderung?
- Was lernen wir daraus für eine umfassende Schulsprachenpolitik?
- Welche bildungspolitischen Schritte müssen erfolgen?
Die IGE lädt alle Interessierten herzlich zu diesem Anlass ein und hofft auf eine angeregte Diskussion.
Für die IGE
Johannes Gruber, Projekt interkulturelle Bildung des VPOD
Donnerstag, 21. Februar 2008, 10.00 – ca. 11.30 Uhr
Käfigturm 2. Stock
Marktgasse 67, 3003 Bern
In der öffentlichen Diskussion in der Schweiz ist derzeit wiederholt die Rede von Integrationsdefiziten der MigrantInnen. Es wird betont, dass viele ungenügende Kenntnisse in den Schweizer Landessprachen (vor allem Deutsch, Französisch, Italienisch) hätten und diese besser lernen müssten. Bei aller Wichtigkeit guter Kenntnisse in der lokalen Landessprache wird nicht thematisiert und zu wenig erkannt, welches grosse Potenzial in den Sprachen der Migrantenfamilien – auch für den Wirtschaftsstandort Schweiz – steckt. Und vor allem wird ausser Acht gelassen, dass gute Kenntnisse der Erstsprache Kindern das Erlernen der Landessprache erleichtern. Zudem kann eine gelungene Identitätsfindung in zwei Kulturen einen wesentlichen Beitrag zur privaten und beruflichen Integration und zur Gewaltprävention leisten.
Die "Interessengemeinschaft Erstsprachen", ein Zusammenschluss vieler interessierter Organisationen und Persönlichkeiten aus Bildung, Wissenschaft und Migration macht mit einem gemeinsamen Aufruf „Erstsprachen der Kinder fördern – ein zentraler Auftrag der öffentlichen Bildung“ an Politik und Öffentlichkeit auf diese Tatsachen aufmerksam und will den Beitrag ins rechte Licht rücken, den viele Sprachgemeinschaften durch selber finanzierte und organisierte Kurse in Heimatlicher Sprache und Kultur HSK schon seit langem leisten. Sie fordert die Verantwortlichen für das Bildungswesen auf, die im Sprachengesetz und dem HarmoS-Konkordat gelegten Grundlagen für die Stärkung des HSK-Unterrichts zu dessen Unterstützung zu nutzen und ihn in das öffentliche Bildungswesen zu integrieren.